LucyintheSky
verschwendet nicht die zeit auf der suche nach hindernissen. es gibt vielleicht keine.

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silence is golden

zur zeit lese ich mal etwas auf deutsch: "das labyrinth" von gerhard roth

der erste teil war großartig, an den zweiten gewöhne ich mich gerade noch

was mich besonders begeisterte, waren die gedanken des ich-erzählers zum Schweigen... so sehr, daß ich die seite markierte und unbedingt meiner freundin davon erzählen mußte

interessant dabei auch: da ich zur zeit vor allem auf englisch denke, fiel mir beim lesen sofort auf, daß es kein englisches wort für schweigen gibt.

und wie faszinierend, daß wir überhaupt ein verb dafür haben! ein VERB dafür, etwas NICHT zu tun... quasi aktiv nicht zu sprechen

denn Schweigen kann es nicht geben, wenn niemand da ist, der sprechen könnte - dann wäre es Stille


Der Ich-Erzähler ist Psychiater in Wien, sitzt gern in Kaffeehäusern oder spaziert herum (ehrlich gesagt frage ich mich öfter, wann er denn arbeitet) und macht sich Gedanken.
Gedanken, die mich an meine eigenen Gedanken erinnnern, beispielsweise über Wahnsinn und Religion - ein wenig beneidet er die Wahnsinningen und die Religiösen und auch dieser Neid erinnert mich an meine eigene Wehmut - bei mir ist es kein Neid, es ist fast etwas wie Heimweh, ein leises Vermissen des Glaubens, der Überzeugung, der Gewißheit.

In seinem Nachdenken über Religion stieß der Erzähler immer wieder auf die Bedeutung des Schweigens, Schweigeklöster, Einsiedler.

"Schweigen zu können erschien mir als eine Fähigkeit, ein Geheimnis, eine Kraft."

Er erzählt von seinen Versuchen, seine Schweigekraft zu steigern, keine Antworten auf Fragen zu geben und Dinge im Raum stehen zu lassen. Dadurch lernt er, besser zuzuhören.

Auch das kenne ich von mir selbst. Ich habe die Angewohnheit, zu viel zu sprechen, und gehe manchmal bewußt dagegen an, übe mich im Schweigen.

"Wir sprechen ja nur, weil wir nichts verstehen. Je mehr wir verstehen, denke ich, desto weniger lohnt es sich zu reden. Das Sprechen ist eine Selbstsuche, ich gehe inzwischen sogar davon aus, daß Sprechen Lügen ist. (Mein Beruf hat mich dieses Theorem gelehrt.) (...) Zu mir kommen zumeist nur Patienten, die in der Lüge leben und die sich ihre Lügen von mir bestätigen lassen wollen. Je skrupelloser ein Psychiater ist, desto mehr geht er auf ihr Lügengewebe ein und hilft seinen Patienten, sich darin einzurichten."

Hier, in den USA und wahrscheinlich besonders im Süden, wird ständig geredet, meistens über nichts. Der Wahlkampf ist ein gutes Beispiel: Scheingefechte über Abtreibung und Homoehe, Themen, die eigentlich keine sind.

Ich übe mich also im Schweigen, höre zu, und ertappe mich dabei, das Verhältnis von Wortvolumen zu tatsächlichem Inhalt zu bestimmen.

Dann übe ich mich in Demut - wer bin ich denn, zu entscheiden, was wert ist, gesagt zu werden?

Was Wahrheit ist, was Lüge?


Aber um nicht durchzudrehen oder depressiv zu verstummen, nutze ich meine als Teenager entwickelte Schutzmaßnahme, die Arroganz, und maße mir an, die meisten Leute für arme Irre zu halten. Zumindest, bis sie mir das Gegenteil beweisen.
13.2.08 17:20
 
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