LucyintheSky
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Hinterm Mond

Die letzten zwei Tage in Brasilien verbrachte ich auf Familienbesuch.

"Als ich damals von der Ausbildung zurückkam nach Sao Paulo," erzählt mir meine Tante, "war ich ganz schockiert von Deiner Mutter. Sie war damals 18 und ich dachte, meine Güte, die sieht ja aus, als hätte sie hinterm Mond gelebt. Ich habe ihr dann erstmal die Haare schöner geschnitten und dann sind wir zum Shopping gegangen."
Mit neuen Klamotten, Haarschnitt und Make-up war die kleine Schwester dann vorzeigbar, meine Tante war zufrieden. Das war 1962, und für meine Tante war die Welt in Ordnung.

Heute sieht meine gesamte Verwandtschaft in Sao Paulo aus wie von hinterm Mond. Ich war gewarnt, aber trotzdem schockiert. Meiner Tante sagte ich dies nur in Bezug auf meine inzwischen 42-jährige Cousine, die immer noch bei hren Eltern wohnt. Angeblich spart sie, um sich eine eigene Wohnung zu kaufen.

Für mich sieht es eher aus, als wäre der gesamte Haushalt in der Zeit stehengeblieben – vielleicht als mein jüngster Cousin (jetzt auch schon Enddreißiger) auszog. Er wählte den Ausweg einer frühen Heirat mit 20. Sein älterer Bruder war schon Jahre vorher nach Deutschland geflüchtet, seine Familie durfte jahrelang nicht einmal seine Adresse wissen. Meine Mutter hielt dicht – einer der vielen ungelösten Konflikte, die ich mir in den letzen Tagen anhören konnte. Für meine Tante sieht es aus, als hätten wir ihr den Sohn gestohlen. Er wohnte nicht bei uns bei Frankfurt, sondern studierte in Berlin, aber er kam oft zu Besuch.
Natürlich war es der Vater, der ihn aus dem Haus trieb, denn der ist am gesamten Elend meiner Tante schuld. Die Welt war in Ordnung, bis sie heiratete. Seitdem ist sie seine Gefangene.

Er hält auch die Tochter im Haus, wegen ihm ist sie nie ausgezogen, hat keine Liebesbeziehung und hat noch nie Brasilien verlassen, obwohl sie gern reist.
Meine Cousine redet davon, irgendwann in den Süden Brasiliens zu ziehen, wo es kühler und weniger gefährlich ist als in Sao Paulo.
Sie hat dabei den gleichen Tonfall wie ihre Mutter (also meine Tante), wenn die davon spricht, sich scheiden zu lassen.
Ich frage meine Cousine, warum sie nicht schon umgezogen sei und höre "man ist ja auch für die Familie verantwortlich". Unglaublich. Ihre Eltern sind zwar verrückt, aber kommen ohne weiteres allein klar.
Meine Tante spricht von Scheidung seit ungefähr 30 Jahren. Die ewige Ausrede war "wenn die Kinder aus dem Haus sind".

Das letzte Kind bewohnt nun alle drei Kinderzimmer. Die Türen sind immer zu, im Flur davor stapeln sich Kisten, verknotete Plastiktüten mit unerfindlichem Inhalt, Zeitschriftenstapel und Schuhe die aussehen, als wären sie auch vor fünfzehn Jahren nicht modern gewesen.
Ich frage meine Tante, ob die Cousine ihre Sachen aussortiert.

"Nein, das hat sie nur da stehengelassen… sie hat so viele Sachen, die Zimmer sind voll. Sie hat ja auch keine Zeit, die Arme mußte so viele Überstunden machen."
Ich kann mir nicht verkneifen, eine ihrer Türen zu öffnen, als niemand sonst im Haus ist. Kleiderberge, mehr Kartons, mehr Plastiktüten. Der Raum ist voll. Wahrscheinlich sehen die anderen beiden genauso aus.

Das Zimmer meines Onkels ist sehr ordentlich, aber auch dort stapeln sich Zeitschriften bis unter die Decke. Das Bett ist gemacht, aber die Decken und Kissen sind fadenscheinig und löchrig.
Im Zimmer seiner Frau sieht es aus wie in dem einen Kinderzimmer, das ich gesehen habe. Unordentliche Berge von Zeug, bloß hier steht mittendrin noch ein Bett.
Überall riecht es muffig. Es erinnert an Häuser von alten, sehr armen, aber ordentlichen Leuten, die nichts wegwerfen können.

Mein Onkel schleicht herum wie ein Geist, plötzlich erscheint er hinter mir, geht wortlos ins nächste der vielen Zimmer. Er schlurft ein wenig, eine Schulter ist immer hochgezogen. Er hat sich mit mir am Sonntagabend, als ich gerade ankam, unterhalten, mich über meine Pläne und meine Ausbildung befragt, mir einige Ratschläge erteilt und damit war ich entlassen. Die folgenden zwei Tage spricht er kaum noch mit mir, wahrscheinlich ist schon alles gesagt.

Auf dem Weg zum Flughafen streiten meine Tante und mein Onkel über den besten, kürzesten, oder schnellsten Weg. Das erleichtert mich. Zumindest in der letzten Stunde klingen sie wie ein ganz normales, altes Ehepaar.
15.12.07 02:14
 
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