LucyintheSky
verschwendet nicht die zeit auf der suche nach hindernissen. es gibt vielleicht keine.

startseite
über ...
archiv
wer ?
liebes leben
berufungen
freie zeit
familie
bilder
WG
gästebuch
kontakt
abonnieren

retirement home

Durchschnittsalter in Naples, Florida: 61

Alles ganz hübsch soweit, aber furchtbar künstlich.
Immerhin habe ich nun auch mal jemand unter 60 kennengelernt:

Jill ist 25. Wir haben uns übers Internet getroffen, ich hatte eine Anzeige aufgegeben "Looking for friends in Naples".

Am Samstagabend waren wir Indisch essen und später im neueröffneten Club "Sway" tanzen.
Einer der Läden, die ich zuhause nur betrete, wenn ich auf der Gästeliste stehe... und nur "valet" parking, das hatte ich überhaupt noch nie!

Für alle, die ähnlich ignorant sind: das bedeutet, man fährt vor zum Eingang und gibt einem wildfremden Teenager die Autoschlüssel. Der verschwindet dann mit dem Wagen und niemand weiß, wohin.
Ich finde das etwas beunruhigend, versuche mich aber an fremde Sitten zu gewöhnen.

Dann stand ich das erste Mal seit Ewigkeiten in der Schlange vor dem Eingang - im Gegensatz zu vor 15 Jahren hatte ich aber kein Problem, hereingelassen zu werden.
Im Gegenteil - einer der Türsteher winkte uns durch, zum VIP-Eingang. VIP hat nicht viel zu heißen... das sind entweder attraktive, auffällige junge Damen wie wir oder Leute mit Geld.

Der ganze Abend war super, es ist, als wären wir schon lange befreundet, hätten uns nur ein paar Jahre lang nicht gesehen. Ich wußte gar nicht, wie sehr ich es vermißt hatte, feiern zu gehen, lachen, tratschen, tanzen.
In Läden wie diesen, wo all die eingebildeten oder tatsächlichen Jungen, Reichen, Schönen herumstolzieren, kann ich mich wunderbar amüsieren, wenn ich nur jemand mit ähnlicher Einstellung dabeihabe.

Kennt Ihr "Six Feet Under"? Wenn nicht, solltet Ihr. Beste TV-Serie. Leiht Euch sofort die erste Staffel.
Und warum fange ich jetzt damit an?
Jill sieht aus wie Claire Fisher wohl mit 25 aussehen könnte. Wirklich sehr ähnlich. Und weil mich dann auch noch Charaktereigenschaften an Claire erinnerten, konnte ich mir irgendwann nicht mehr verkneifen, zu fragen:
"Wirst Du eigentlich oft auf die Ähnlichkeit mit diesem "Six Feet Under" - Charakter angesprochen?"
"Ja, klar, " meinte sie. "Und jetzt rate mal, was mein Vater beruflich macht..."
Ich: "Nee, oder?" Sie: "Doch! Ich bin in einem Beerdigungsinstitut großgeworden."

Wahrscheinlich daher der europäisch anmutende, zynische Humor. Nun fange ich langsam an, mich richtig wohl zu fühlen - ich bin ja viele Leute gewohnt, und mit nur dem einen Mitbewohner wurde es mir schon langweilig.
Vor allem, weil der total frustriert ist, daß seine ganzen Pläne nicht sofort funktionieren.

Das war schlimm, als ich noch kein Auto hatte: ständig den schlechtgelaunten Mitbewohner zu fragen, ob er mich mal zum Strand fährt... nee.
Es ist UMÖGLICH, hier ohne Auto zu leben.

Also habe ich mir einen 1990er Mercury Sable gekauft. Das war der einzige Gebrauchtwagen in der Gegend unter 10 000 Dollar.
Und da er nur 54000 Meilen drauf hat, dachte ich, das Risiko ist nicht zu hoch.... vor allem nicht, da er nur 1200$ gekostet hat.

Jetzt bin ich am Herumfragen, wer eine gute, ehrliche, preiswerte Werkstatt kennt, damit ich ihn checken lassen kann.


Sonstige Neuigkeiten: nicht wirklich.
Am ersten Februar treffe ich Malte am Flughafen in Miami und wir fliegen nach Guatemala! Yipiiehh!
16.1.07 17:32


Werbung


7.1.07 21:00


business plan

"Er hat immer so viele Träume" sagte Kat abwertend zu mir, während Gregg einem Kollegen erzählt, wie er sich seine Bodywork-Praxis vorstellt. Sie muß es ja wissen, sie war lange genug seine Mitbewohnerin.
Sie meint, er solle lieber erwachsen werden, weiterhin der beliebteste Masseur im Ritz sein, sich mit den 16% dessen, was seine Klienten für eine Massage bezahlen, abfinden und auf großzügige Trinkgelder hoffen. "Das sagen sie alle," kommentiert er später die Einstellung seiner Freunde, "sie schimpfen auf das Hotel, vor allem seit Mariott die Kette übernommen hat, sie fühlen sich ausgebeutet, aber sie behalten ihre Jobs, sie glauben, besser, als für das Ritz zu arbeiten, kann es nicht werden."
Gregg sieht das anders. Fast in jedem längeren Gespräch in unserer WG in Boulder und auf der Fahrt hierher haben wir eifrig Pläne geschmiedet.
Bisher pendelt Gregg zwischen Orlando und Naples, in Orlando hat er den festen Job im Ritz, in Naples dagegen einige Klienten für Hausbesuche. Die nächsten paar Monate sind es meine Aufgaben, mich um seine Terminplanung zu kümmern, eine Wohnung in Naples zu finden und einzurichten, in dem wir auch arbeiten können, und möglichst viele seiner Klienten dort von meiner Arbeit zu überzeugen, während Gregg weiterhin beide Jobs jongliert, bis er sein Großprojekt startet.
Glücklicherweise hat er einen Bruder, der ihm dabei helfen kann. Wayne arbeitete früher für eine Beraterfirma und hat nun seinen eigenen Betrieb, er nutzt seine Erfahrungen, um Unternehmenskredite zu vermitteln. Es ist sein Job, zu beurteilen, welche Geschäftsideen Erfolg versprechen – und er könnte sogar ein größeres Projekt finanziell unterstützen.

Greggs Traum ist es, die besten Manualtherapeuten verschiedener Bereiche in einer großen Praxis arbeiten zu lassen, hervorragende Behandlungen zu fairen Preisen anzubieten, und vor allem den Therapeuten zu ermöglichen, angemessen Geld zu verdienen.
Sie könnten ihre Räume mit allem Drumherum von ihm mieten oder als Angestellte arbeiten.

Wenn ich Glück habe, bleibt es nicht beim Träumen und ich kann dabei sein, wenn das alles auf die Beine gestellt wird. Das würde ich sehr gern, es wäre eine großartige Erfahrung – und Geld verdienen kann ich auch noch.
Meine persönlichen Träume sehen so aus, daß ich in einem derartigen Projekt arbeiten könnte, in einem Job, der mir Spaß macht und in dem meine Kenntnisse und Erfahrungen angemessen honoriert werden.
Da ich aber nicht pausenlos vor Ort sein müßte, hätte ich auch die Möglichkeit zu reisen, Freunde und Familie zu besuchen und weiter zu lernen.

Wenn ich Pech habe, kann ich immer noch in den nächsten Monaten Greggs Privatsekretärin spielen, genug Geld verdienen um über die Runden zu kommen, und mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

Der einzig richtig feste Plan ist ein Urlaubsplan: ich treffe Malte in Guatemala, wir verbringen den ganzen Februar zusammen.
21.12.06 22:19


beautiful blogging place

Terasse des Ritz-Carlton, Orlando, Florida.

Blumen überall, riesige Palmen, auf den Marmorfliesen sonnen sich die Geckos. Einer in meiner Nähe bläst seinen knallroten Kehlsack auf. Sonne auf meiner Haut, der leichte Wind erzählt vom Meer.

Gregg und ich kamen gestern hier an, wir wohnen bei Freunden von ihm in der Nähe. Ich habe ein eigenes Zimmer, sie bedauerten mir kein eigenes Bad anbieten zu können. Schlimm.
Daß ich auch für die Couch im Wohnzimmer dankbar gewesen wäre, hielten sie für einen Scherz.

Wir hatten es eilig, die 1700 Meilen hinter uns zu bringen, Gregg muß morgen arbeiten und hat heute schon Besprechungstermine. Unser eigentlicher Plan war es, Colorado letzten Freitag zu verlassen – dann aber brach das Auto zusammen. Glücklicherweise schon am Donnerstag, nicht etwa Freitagnachmittag irgendwo in Kansas, und unsere Mitbewohnerin Phoenix konnte ihre Triple A – Mitgliedschaft (sowas wie der ADAC bei uns) für den Abschleppdienst nutzen.
Die Repatur dauerte bis Montagabend, wir fuhren die ganze Nacht und den nächsten Tag durch Colorado, Kansas, Missouri, Illinois, Kentucky und übernachteten schließlich in Chattanooga, Tennessee. Greggs Status als Ritz-Mitarbeiter ermöglicht ihm, in jedem Ritz oder Mariott-Hotel für 39,- $ zu übernachten, wenn ein Zimmer frei ist.
Da waren wir schon fast in Georgia, zwei Drittel der Strecke lagen hinter uns. Völlig ereignislos, die Landschaft meistens langweilig, das Spektakulärste war der Sonnenaufgang über Illinois am Dienstagmorgen.
Ich fahre gern bei Sonnenaufgang.
Kurz vorher bin ich oft etwas müde, dann wird der Himmel langsam hell, die Landschaft wird sichtbar, die ersten Farben leuchten auf, der Horizont färbt sich rosa und schließlich erscheint orangerot die Sonne über den Hügelkuppen. Dabei werde ich wieder munter – und glücklich.
Wir fuhren ohnehin gen Südosten, ich mußte mich nicht einmal umsehen.

Dafür schliefen wir am Mittwochmorgen aus, frühstückten ausgiebig, gingen schwimmen, und waren erst nach elf wieder auf der Straße.
Es war schon dunkel, als wir in Orlando ankamen.
Sommernacht, stellte ich fest, als wir endlich aus dem Auto heraus waren. Palmen überall. Seeluft.
Die Jacke konnte ich im Kofferraum verstauen, werde sie in den nächsten Wochen kaum brauchen.

Während Gregg in seinem Lieblingscafé nach seiner Lieblingskellnerin fragte, rief ich Phoenix in Boulder an.

"Kaum wart ihr weg, brach hier ein Schneesturm los," erzählte sie, "es sind bisher zwei Fuß, und es schneit immer noch wie verrückt. Ich komme wahrscheinlich die nächsten Tage nicht aus dem Haus, es geht mir jetzt schon über die Knie."
21.12.06 18:17


faculty meeting

Früher, als das Rolf Institut noch sehr von Dr. Rolfs Idealen beeinflußt war, mußten neue Lehrer vom gesamten Kollegium anerkannt werden, einstimmig.

Wer die Ausbildung junger Rolfer als seine Berufung sah, mußte sich teilweise jahrelang immer wieder bewerben, um immer wieder von den Versammelten ausführlich befragt und beurteilt, und immer wieder von einer Person aufgrund persönlicher Differenzen abgelehnt zu werden.

Ray beispielsweise, der unsere Unit 2 unterrichtete, versuchte es zehn Jahre lang.
Die Beurteilungen konnten ins Lächerliche ausarten.

Einmal stellte sich eine Rolferin vor, die später eine herausragende Lehrerin wurde. Sie wurde wie üblich ausgefragt, vorverurteilt, ihre Arbeit wurde in Frage gestellt und abgewertet, aber sie blieb gelassen. Sie kannte den Prozeß bereits.

Schließlich meinte einer ihrer künftigen Kollegen:
"Das klingt ja alles sehr gut soweit.... aber weißt du, ich sehe diese dunklen Punkte in deinem Energiefeld.. ich weiß nicht, was ich davon halten soll."

"Verbinde die Punkte," schlug sie vor, "dann heißt es FUCK YOU".

Sie hat den Job bekommen.
14.12.06 19:11


rare exports from finland

there's more than NOKIA

für freunde schwarzen humors... freundliche empfehlung von lore
9.12.06 20:28


poetry

gestern bekamen wir, so als kleines extra am rande, zwei gedichte ausgeteilt.
ich kann mit poesie selten viel anfangen - aber diese möchte ich mit euch teilen:


The Journey

One day you finally knew
what you had to do, and began,
though the voices around you
kept shouting
their bad advice --
though the whole house
began to tremble
and you felt the old tug
at your ankles.
"Mend my life!"
each voice cried.
But you didn't stop.
You knew what you had to do,
though the wind pried
with its stiff fingers
at the very foundations,
though their melancholy
was terrible.
It was already late
enough, and a wild night,
and the road full of fallen
branches and stones.
But little by little,
as you left their voices behind,
the stars began to burn
through the sheets of clouds,
and there was a new voice
which you slowly
recognized as your own,
that kept you company
as you strode deeper and deeper
into the world,
determined to do
the only thing you could do --
determined to save
the only life you could save.

~ Mary Oliver ~

(Dream Work)





Sweet Darkness

When your eyes are tired
the world is tired also.

When your vision has gone
no part of the world can find you.

Time to go into the dark
where the night has eyes
to recognize its own.

There you can be sure
you are not beyond love.

The dark will be your womb
tonight.

The night will give you a horizon
further than you can see.

You must learn one thing:
the world was made to be free in.

Give up all the other worlds
except the one to which you belong.

Sometimes it takes darkness and the sweet
confinement of your aloneness
to learn

anything or anyone
that does not bring you alive

is too small for you.

~ David Whyte ~


(House of Belonging)
7.12.06 18:09


nosejob

Am Mittwoch steckten wir unseren Klienten den kleinen Finger in die Nase.
Laut Ida Rolf gehört das dazu - die meisten Rolfer haben "Nosework" allerdings aufgegeben, weil es ihnen zu seltsam ist.

Manche von uns hatten früher, als sie behandelt wurden, eher schlechte Erfahrungen damit gemacht, entweder passierte nichts oder es tat weh.

Ich kann nur wieder dankbar für unsere ausgezeichneten Lehrer sein. Ray und Lisa haben uns ausführlich vorbereitet, die ganze Schädelanatomie wiederholt, vor allem in Bezug auf die vielen, nur wenig beweglichen Gelenke.

Man stellt sich den Schädel normalerweise als knöcherne Einheit vor, die beim Embryo noch knorpeligen Verbindungen gelten später, beim Erwachsenen, als völlig zusammengewachsen und daher unbeweglich. Stimmt nicht, sagt mittlerweile sogar die moderne Medizin.

Man kann es sogar fühlen: ein gesunder Kopf reagiert auf Druck eher elastisch, federnd. "Kokosnuss oder Melone" stand auf unserem Diagnoseblatt für Session 7.
Mit einem Kokosnussschädel leidet man eher unter Kopfschmerzen, Schwindel, Nackenverspannungen, sogar Sehstörungen.

Und dann steckt man dem den Finger in die Nase und er wird zur Melone? Ja, so ungefähr - Arbeit im Innern der Mundhöhle gehört auch dazu.

Bei einem gesunden, elastischen Kopf kann man, wenn man die Hände nur ganz leicht auflegt, sogar die Bewegungen der Knochen spüren.

Und das ganze ergibt sogar Sinn, wenn man sich die Anatomie genau anschaut. So kann man die Gelenke von innen heraus lockern - und hinterher sehen die Leute tatsächlich etwas anders aus. Bei manchen war das direkt gruselig, die hatten dann viel weichere Gesichtszüge.
Ich bin mal gespannt, ob das am Montag immer noch so aussieht.
3.12.06 00:24


emotional release

Rolfing ist als sehr schmerzhaft verrufen.

Das ist für viele die erste Assoziation.

"Würde ich ja auch gern mal machen, aber ich traue mich nicht, ich habe soviel Angst vor den Schmerzen."

Interessant dabei: manche meinen eher physische, manche eher psychische Schmerzen.

Veränderung tut meistens weh, und beim Rolfing geht es ja darum, die gewohnten Strukturen zu verändern, um eine bessere Integration zu ermöglichen.


Die erste Generation Rolfer, Schülerinnen und Schüler von Ida Rolf selbst, arbeiteten mit deutlich mehr Gewalt als ihre jüngeren Kollegen. Heutzutage schmerzt es nur noch selten, so wie eben auch eine gute Massage manchmal wehtun kann, wenn man sehr verspannt ist.

Nach wie vor aber gibt es das Phänomen, daß während der Körperarbeit plötzlich Erinnerungen an Traumata in der Vergangenheit auftauchen. Manchmal sind es Ereignisse, die völlig verdrängt waren, oder welche, an die die Klienten jahrelang nicht gedacht haben, und oft tut die Erinnerung weh, löst Trauer aus.

Wie genau das passiert, woher plötzlich Gefühle auftauchen, die in manchen Fällen trotz jahrelanger Psychotherapie völlig verdrängt waren, ist unbekannt.

Es ist nur bekannt, daß es passiert. Und beim Rolfing eben besonders häufig. Teilweise wird diese Nebenwirkung überbetont; manche sagen "Rolfing? Das ist doch diese Massage, bei der die Leute Nervenzusammenbrüche bekommen, oder?"

Wahrscheinlich liegt das auch daran, daß in den 70ern gezielt auf besonders starke Reaktionen hingearbeitet wurde. Wer nach der Behandlung noch geradeaus gehen und denken konnte, war enttäuscht.

Heute geht man physisch und psychisch behutsamer vor, zu starke Schmerzen lösen nur ein neues Trauma aus, man kann in einen Teufelskreis geraten oder Abhängigkeitsgefühle auslösen.

Ich reagierte letzte Woche auf eine leichte Berührung am Kopf sehr ungehalten. Es war der Abschluß der Behandlung, bis dahin war alles in bester Ordnung gewesen.
Ich fühlte einen unangenehmen Druck im Kopf und der Halswirbelsäule, der sich weiter verstärkte.
Ray, unser Lehrer, kam zur Hilfe, behandelte meinen Nacken, und ich fühlte mich etwas besser. Ich konnte mich anziehen, es war ohnehin schon Unterrichtsschluß, wir verabschiedeten uns. Mir wurde schnell wieder schlechter: Übelkeit, der Druck im Kopf verstärkte sich, schwindlig war mir auch.
Als hätte ich eine Gehirnerschütterung, fiel mir ein.
Ich stürzte und schlug der Länge nach auf den Boden. Mir war inzwischen so schwindlig, daß ich kaum den Kopf heben konnte. Ich sah doppelt.

Und ich erinnerte mich an das letzte Mal, als es mir so ging. Ich hatte die ganze Zeit gewußt, daß es schlimm war, als mir mein Exfreund einen Schlag ins Gesicht versetzte, der mich gegen die Wand und zu Boden fliegen ließ, aber ich hatte wohl verdrängt, wie schlimm.

Ich lag in unserem Unterrichtsraum, hatte hilfreiche Menschen um mich herum, kam langsam wieder zu mir und weinte.

Damals dachte ich, der bringt mich um. Ich fürchtete buchstäblich um mein Leben. Ich erkannte den Kerl nicht mehr, der da plötzlich vor mir stand, die blinde Wut im Gesicht. Ich dachte, ich muß nun sterben, weil ich so blöd und naiv war, allein herzukommen.
Ein Freund hatte angeboten, mich zu begleiten, mir zu Vorsicht geraten - ich hatte nur gelacht. Was soll denn passieren?
Ich fiel zu Boden und wagte nicht, mich zu rühren.
Ich blieb zusammengekrümmt liegen und wartete auf den nächsten Schlag oder Tritt oder was auch immer.
Ich bewegte mich nicht, er sollte denken, ich wäre schon tot.
22.11.06 04:02


move

Seit einer Woche habe ich wieder eine WG.
Meine vorherige Mitbewohnerin und Vermieterin, Barbara, hat mir letzten Samstag eröffnet, daß sie doch lieber allein wohnen möchte.
Ich hatte schon vorher den Eindruck, sie versteckte sich.
Ein bißchen komisch war sie bereits im Juli - aber ein bißchen komisch sind ja fast alle, die ich kenne.

Als ich vor nun bald sechs Wochen wieder bei ihr einzog, ging es noch gut. Ich war froh, wieder das gleiche Zimmer zu haben und fühlte mich zuhause.
Wir haben uns selten gesehen, hatten beide viel zu tun, aber zwischendurch gab es gute Gespräche, an den Wochenenden haben wir zusammen das Haus geputzt, einmal sogar im Garten herumgekramt und Tulpenzwiebeln verbuddelt.

Ich fand es ganz in Ordnung, viel allein zu sein.
Das tut mir gut, dachte ich, zur Ruhe zu kommen, mal mit mir selbst allein zu sein, ohne ständige Unterhaltung.

Die erste Woche Schule war sehr anstrengend. "Principles Week" nennt sich das. Abgesehen von den Rolfing-Prinzipien ging es um Rolfing Movement, eine unabhängig von der sog. strukturellen Arbeit (das eigentliche "Rolfing") entwickelte Körperarbeitstechnik, die von Ida Rolf zwar unterstützt, aber nicht direkt in die Arbeit integriert wurde.

Anscheinend sind die Bewegungs- und Wahrnehmungsübungen sehr anstrengend für das Nervensystem, wir waren nach den fünf Tagen alle völlig erschöpt.
Viele von uns gingen gingen jeden Abend gegen neun schlafen.

Seit der zweiten Woche haben wir nur noch von Montag bis Donnerstag Schule, dafür jeweils an die acht Stunden.

Zuerst fiel mir kaum auf, daß ich Barbara kaum zu sehen bekam. Dann wurde es offensichtlich: sie kam morgens irgendwann aus ihrem Zimmer, während ich im Bad war, und verließ das Haus sofort. Abends war sie entweder schon in ihrem Zimmer oder noch nicht zuhause.

Phoenix und Gregg, zwei meiner Lieblingsmitschüler, wohnen zusammen in einem Reihenhaus und hatten noch ein Zimmer frei. Mir gefiel es auf Anhieb, ich war erleichtert, als Barbara mir die Entscheidung zum Umzug abnahm.
Mein neues Zuhause ist näher an der Stadtmitte, man kann alle Einkäufe zu Fuß erledigen, und auf Dauer ist mir das Gemeinschaftsleben lieber.
Barbara hat emotionale Probleme und macht Veränderungen durch, sagte sie - und hat Phasen, in denen sie einfach niemand sehen möchte. Es tat ihr sehr leid, aber auch sie schien froh zu sein, als ich direkt am nächsten Tag meine Sachen packte.

Ich bekam noch eine liebe Email, in der sie mir für mein Verständnis dankte und meinte, die kurze Zeit mit mir hätte sie inspiriert, in ihrem Leben mehr zu riskieren, mehr Bewegung zuzulassen.


Rolfing Movement hat uns übrigens so begeistert, daß fast der halbe Kurs am Überlegen ist, den dritten und letzten Ausbildungsschritt in Brasilien zu machen.
Denn die Brasilianer haben das "Rolfing in Bewegung" komplett in ihr System integriert, sie meinen, es sei unsinnig, den passiven Körper umzustrukturieren, ohne neue Bewegungsmuster einzuüben. Wer den Abschluß in Brasilien macht, bekommt das "Movement Practitioner" Zertifikat gleich dazu - hier müßte man noch einen weiteren Kurs belegen.
19.11.06 21:34


18.11.06 22:41


certifyably nuts

Nicht umsonst heißt es, Rolfer wären seltsam - und viele Rolfer sagen, man kann ganz schön einsam werden in diesem Job.

Wahrscheinlich ist es die Verrücktheit, die einen nach anderen Antworten auf die Fragen des Lebens suchen läßt, die einem die Anpassung an 9-5-Jobs schwer macht.

Ein wenig fühle ich mich an die drei Jahre Heilpraktikerschule erinnert. Und es paßt so gut, daß das Rolf Institut in Boulder ist!

Mittwochsabends bietet die Wahrsagerschule in der Stadtmitte kostenlose Aura-Reinigungs-Sitzungen an.
Einer meiner Mitschüler hat eine Form von Energiearbeit gelernt, bei der man scheinbar gar nichts tut. Er meint, das sei effektiver als Rolfing, macht aber furchtbar müde und hat den Nachteil, daß kaum jemand daran glaubt. Keiji macht Reiki (also kanalisiert universelle Energie), aber wenigstens denkt er nicht, daß es viel bringt. Lynn lebt eigentlich nur im Internet, in Fantasy-Rollenspielen.


Und ich? Ich hörte am Mittwoch ein Knie zu mir sprechen.
"Ich habe Schmerzen. Tu mir nicht weh."

Danach hat so ziemlich jede Muskelfaser genau gesagt, wie sie behandelt werden will.

Ziemlich verstörend, das Ganze.
7.11.06 21:01


party hard, pray harder

Samstagabend hatten wir eine kleine, feine, inoffizielle Klassenparty bei Becki. Außer ihr waren alle betrunken - das hätten Besucher zu später Stunde aber anders gesehen.
Becki ist für mich ein Phämomen. Deshalb schreibe ich schon wieder über sie.

Klar, ich kann auch saufen, ohne fröhlich zu sein - oder so...

Aber Becki dreht völlig auf. Völlig. Und das ohne alle bewußtseinsverändernden Einflüsse, als anständige Mormonin trinkt sie nicht einmal Kaffee.
Ich vermute, sie läßt raus, was sie sich in ihrer normalen Umgebung nicht trauen würde. Unter lauter Halbverrückten ist das leichter.

Becki ist "Queen of Legwrestling". Ich glaube, das muß ich einmal photographieren, das kapiert sonst kein Mensch.
Man legt sich rücklings nebeneinander auf den Boden, aber so, daß die Köpfe in entgegengesetzte Richtungen zeigen.
Jede schwingt ein Bein auf Kommando nach oben, so daß sich beide unterhalb der Ferse verhaken, und dann wieder nach unten - entweder sehr schnell, oder man braucht kräftige Oberschenkel, um eine Chance zu haben.

Das lustige daran ist, daß die Verliererin gar nicht anders kann, als eine Rolle rückwärts zu machen.

Ansonsten haben wir uns von Kevin Tanzstunden geben lassen und viel Blödsinn geredet - Becki und Tammy waren scheinbar von den angekündigten Besuchen ihrer Ehemänner völlig aus dem Häuschen und haben ständig nur über Sex getuschelt.

Ich habe Becki über ihre Religion ausgefragt und mich dann kurzentschlossen zum Kirchgang verabredet. Ich will ja alles genau wissen. Martin, unser Bayer, wollte auch.

Wir waren also am Sonntagvormittag im mormonischen Gottesdienst.

Oberflächlich betrachtet ist das wie bei deutschen Protestanten, also nicht so ein Pomp wie sonst in US-amerikanischen Kirchen, alles eher bescheiden und ernst, aber überall rennen Kinder herum.

Natürlich wurden wir persönlich begrüßt, und bevor wir später unauffällig verschwinden konnten, hatten sie tatsächlich ein paar Deutsche angeschleppt.
Ich habe mich etwas gewunden, war natürlich sehr freundlich, nein, ich gehöre nicht zur Gemeinde, ich bin nur zu Besuch, Becki hat uns freundlicherweise mitgenommen, und Telefon habe ich auch nicht. Becki war sehr amüsiert. Eigentlich, sagte sie später, habe sie bedauert, daß ich nicht sofort Grundsatzdiskussionen anfing - aber ich wollte sie ja nicht blamieren. Ich bin ja nett.
Einfach war das nicht, ausgerechnet an diesem Sonntag mußte der Prediger betonen, daß die Ehe an sich nur für Mann und Frau möglich sein kann, und die Kindererziehung sowieso.
In Colorado wird morgen abgestimmt, ob homosexuelle Paare ihre Partnerschaft eintragen lassen können, um z.B. bei Krankheit eines Partners von Ärzten und Kliniken als Angehörige anerkannt zu werden. Von Ehe spricht da niemand, aber die Mormonen wittern Sodom und Gomorrha.

Martin dagegen war sehr offen, sehr freundlich, hat zu meinem Entsetzen gleich seine Adresse herausgerückt und sich zum Wochenendbesuch verabredet.

Sie waren aber auch sehr raffiniert, die missionierenden deutschstämmigen Mormonen. Eine kam aus Nürnberg.
Martin bekommt Lebkuchen.
7.11.06 03:26


Elvis

Ich bin nicht die einzige Auslaenderin im Kurs.
Nein, wir haben sogar noch einen Deutschen! Der stellt sich aber immer als Bayer vor. Jetzt verstehe ich auch endlich, warum viele glauben, es gaebe Bayern als eigenen Staat, irgendwo zwischen Deutschland und Oesterreich.
Das sind nicht die schlechten Highschools, es sind die Bayern selbst!

Zwei andere kommen aus Japan, Hiromi und Keiji.
Die Nationalitaetenverteilung ist schon etwas seltsam.... es gibt ja noch andere Industrienationen ausser Japan und Deutschland...
Hiromi ist noch etwas schuechtern, und leider ist ihr Englisch noch so schlecht, dass man sich nur muehsam mit ihr unterhalten kann.
Keiji ist schon seit drei Jahren in Boulder.
Er ist grossartig. Fast immer gut gelaunt, laeuft in den Pausen manchmal auf den Haenden herum, hat immer interessante Anmerkungen im Unterricht beizutragen, veralbert sich selbst im Allgemeinen und Japan im Besonderen. Dort war ihm alles zu streng, und viel zu sehr auf Karriere in grossen Konzernen ausgelegt.

Deshalb kam er erstmal nach San Francisco, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, und spaeter nach Boulder, auf die Massageschule.

In unserer ersten Woche ging es um Bewegung, vor allem um Gehen.
Wir haben uns gegenseitig beobachtet, vor allem wie sich die Gelenke bewegen, dann Wahrnehmungsuebungen gemacht, um andere Muskelgruppen zu aktivieren, und wieder die Gehmuster verglichen.

In Japan werden keine Hueften geschwungen, zumindest nicht von anstaendigen Menschen.
Bei Hiromi und Keiji bewegte sich im Hueftbereich anfangs ueberhaupt nichts, dadurch war die Wirbelsaele stocksteif und die Arme wurden eher mechnisch aus der Schulter heraus bewegt.

Uebungen und Behandlungen brachten auch nicht viel, bis Keiji mit Lynn zusammenarbeitete. Keiji ging, Lynn schaute und sagte "denk an Elvis".
Keiji schwang theatralisch die Hueften, lachte sich kaputt ueber sich selbst, fuegte das neue Gefuehl ins Gehen ein - jetzt klappts.
30.10.06 15:27


your only problem with that bra...

Letzten Mittwoch ging es richtig los. Endlich.
Manche meinten zwar, sie seien noch lange nicht soweit, tatsaechliche Behandlungen zu beginnen, aber wofuer haben wir denn erfahrene Lehrkraefte?

Ging auch. Ich brauchte erfreulich wenig Hilfe, aber erstens habe ich auch den Superklienten, der behandelt sich fast von allein, und zweitens konnte ich endlich all das benutzen, was ich in den letzten 10 Jahren an Koerperarbeit gelernt und angewendet habe.

Grossartig. Es ist ungefaehr so, wie ich gehofft hatte, nur viel besser.

Ich kann Massagegriffe und osteopathische Techniken anwenden, ich kann Triggerpunkte behandeln, ein paar meiner selbstentwickelten Mobilisationstricks zum Einsatz bringen, mein Wissen aus der chinesischen Medizin mit Atemtherapie zusammenbringen und manchmal auch einfach nur eine Hand auflegen, um die Aufmerksamkeit des Klienten in diesen Bereich zu bringen, ihn "da hin atmen lassen" - und sehe sofort Resultate.

Die angespannte Schulter laesst los, der zusammengefallene Brustkorb hat wieder mehr Volumen, die ganze Wirbelsaele bewegt sich besser beim Gehen und es gibt sogar Vorher-Nachher-Bilder, auf denen ich die Resutate ausmessen kann.

Bildermachen war lustig. Es gibt einen eigenen kleinen Raum dafuer, man stellt sich auf ein Fadenkreuz und dreht sich dreimal um 90 Grad.
In Unterwaesche. Das fanden nicht alle so toll, wir sind ja in den USA.

Ich hatte gerade meinen Klienten, Kevin, photographiert, als Becki hereinkam, sichtlich verlegen an ihrem BH herumfingerte und meinte, sie muesste mal andere kaufen. Sah auch unbequem aus.

Also habe ich wieder den Klassenclown gegeben:
"Becki, mach Dir keinen Kopf, wir sehen alle bescheuert aus. Musst nachher mal die Bilder von Kevin anschauen. Du stellst Dich jetzt einfach da hin, genau, super. Nein, nicht zappeln. Wenn Du es nicht kannst, dann tu doch einfach so! Genau!
Du bist Europaeerin! Du laeufst am liebsten nackt herum! Du bist in Deutschland am Nordseestrand!
Das einzige Problem mit diesem BH ist, dass Du ihn noch anhast!"

Am naechsten Morgen dankte sie uns allen fuer die gute Atmoshaere und dafuer, dass sie sich nicht so schlimm gefuehlt haette wie sonst immer, wenn sie nicht komplett bekleidet ist.
Sie hat ihre Kinder angerufen und ihnen versprochen, dass sie naechstes Jahr endlich mit ihnen ins Schwimmbad geht.
Das hat sie naemlich in ihrem ganzen Leben noch nie getan.
29.10.06 17:37


you never know what to wear




So sah das ungefähr eine Woche lang aus.
Genauer gesagt ist das meine Aussicht auf dem Schulweg.

Dann kam der Föhn. Nun liegen nur noch kleine Schneereste herum, der Herbst ist zurückgekehrt.

Aber nichts gegen Winter - zumindest nicht hier.
Denn hier ist es immer trocken, und fast immer scheint die Sonne.
Wo der ganze Schnee herkam, habe ich nicht so genau begriffen.
Wahrscheinlich ist ungemütliches Wetter hier nur nachts erlaubt.

Die Tage sind wundervoll. Morgens war es noch kalt, eine frische, klare Kälte, mein neuer Parka reicht da völlig.
Mittags konnte ich dann sogar manchmal noch im T-Shirt raus - und jetzt sowieso wieder.

Das Wetter ist so unglaublich schön, daß ihr ruhig alle neidisch sein könnt.
29.10.06 05:27


psychic

Ein Erlebnis aus Long Island, New York (ja, da kommt der beruehmte Eistee her):

Dort ist es gerade im Trend, dass Wahrsagerinnen im Cafe sitzen und einem eine Viertelstunde lang fuer 20$ die Zukunft vorhersagen.
Wollte ich mir nicht entgehen lassen, an meinem letzten New-York-Tag.

Der Laden war voll, Patty und ich schwaetzten eine gute Stunde, bis wir drankamen. Es waren vier verschiedene, ganz unterschiedliche Damen da, und ich wurde von der Kellnerin zur seltsamsten gebracht.
Sie sah aus wie mindestens 85, trug eine sehr bunt gemusterte Bluse und den dazu passenden, bodenlangen Rock und wenn sie nicht gerade vor ihren Karten hockte, vor sich hinbrabbelte und dabei kleine Speichelblaeschen in den Mundwinkeln hatte, rannte sie draussen vor dem Cafe hin und her und rauchte Kette.

Ich setzte mich also vor sie hin, sie breitete ihre Karten aus, sah mich kurz an und fing an, auf mich einzureden.
"Du hast viel Energie und gibst sie an viele Menschen weiter. Du hast eine starke Ausstrahlung und setzt sie ein, um deine FreundInnen zu beeinflussen, damit sie in ihrem Leben weiterkommen."
Ich wollte anbringen, das sei ja schmeichelhaft, und so, wie ich es auch gern saehe, aber sie liess mich kaum zu Wort kommen:
"Du stellst alles in Frage, du denkst viel ueber das Leben nach, du stellst auch dich in Frage. Deine Freundinnen haben das Gefuehl, sie sitzen in der Falle"
Ich fragte nach, was sie meinte. Woertlich hatte sie gesagt "your girlfriends feel trapped"
Aber sie meinte nur, das sei, was "sie" ihr sagten.
Niemand koenne mich wirklich binden, ich wuerde immer nur die Freiheit suchen. Ich waere auf einer Reise und wuerde viel lernen, aber das wuerde ich auch mein ganzes Leben lang tun.
Auf dieser Reise wuerde ich vier verschiedene Staaten der USA besuchen und sechs verschiedene in Lateinamerika.

Das ist viel, warf ich ein.

"Ja", meinte sie, "aber dir gefallen ja auch diese kleinen Staaten da in der Mitte. Dir wird das Reisen sehr gefallen, und du wirst dein Leben lang nicht mehr davon loskommen. Du wirst aber immer wieder nach Hause zurueckkehren. Dein Heim ist dir sehr wichtig. Trotzdem wirst du, wenn du 35 bist, sehr verwirrt sein, weil du nicht wissen wirst, wo du leben sollst."

"Sie machen mir Angst" sagte ich. "Eigentlich bin ich auf der Suche nach mehr Stabilitaet in meinem Leben"
Sie sah mich nur kritisch an. "Du hast ein wunderbares Leben und geniesst es sehr. Ich sehe dich an vielen Orten. In Irland werde sie dich wie eine Koenigin behandeln. In Daenemark wird es dir sehr gefallen. Ich sehe dich Buecher schreiben. Ich sehe dich Kurse leiten. Du wirst auf einem Schiff arbeiten."

"Klingt ja toll", meinte ich. "Aber wenn ich keinen festen Job habe, kann ich ja schlecht genug Geld verdienen, eigentlich wollte ich versuchen, mir eine stabile Existenz aufzubauen."

"Du musstest dir noch nie viel Sorgen um Geld machen, und in sechs Jahren brauchst du das gar nicht mehr. Ich sehe eine sehr wohlhabende Familie, du wirst ihnen helfen und sie werden dich bezahlen. Sie sagen mir, du wirst ueberall in der Welt Freunde haben. Sie sagen mir, du wirst viele verschiedene Arbeiten machen. Du wirst nichts vergessen, du merkst dir alles."

"Nein, ich vergesse doch staendig etwas, ich muss immer alles aufschreiben."

"Sie sagen, du vergisst nichts", insistierte sie. Keine Ahnung, wer "sie" sein sollten. Entweder war die Alte voellig durchgeknallt, oder sie tat sehr geschickt so, als bekaeme sie Eingebungen - oder sie war echt.
"Du vergisst natuerlich Kleinigkeiten. Du wirst Deine Zahnbuerste vergessen. Aber nie vergisst du, was du gelernt hast."

So ging es noch eine Weile weiter. Ich hatte den Eindruck, "sie" liessen ihr keine Ruhe mit ihren Voraussagen. Verschiedene Male versuchte sie, Karten aufzudecken, unterbrach sich aber selbst.
Eine schaffte sie trotzdem, irgendwas Gefluegeltes. "Glaubst du an Engel?" fragte sie mich ernst.
"Nein." - "Ach, das macht auch nichts. Sie schuetzen dich trotzdem. Du brauchst nie Angst zu haben."

Ihre Uhr klingelte, die Zeit war um. Sie dankte mir, dass ich gekommen war, ich gab ihr Geld, sie dankte wieder und redete weiter.
Ich wuerde vielen Menschen helfen koennen, aber ich waere immer verwirrt, ich wuerde mir immer Gedanken machen, ob ich am richtigen Ort waere. Viele wuerden mich sehr lieben. Sie wuerde mich an so vielen Plaetzen, in der ganzen Welt sehen. In einem Hubschrauber, sagte sie verwundert. Im Schnee, aber das sind keine Ski, was ist das? Wie ein Motorrad im Schnee. In den Bergen, in Colorado.
In dem Stil redete sie fast ununterbrochen, zwischendurch sah sie mir immer wieder in die Augen, schuettelte den ohnehin zitternden Kopf und sagte "Du wirst an so vielen Orten sein, du wirst so viel erleben."


Nachdem sie schon eine Weile ueberzogen hatte, Patty schon auf mich wartete, und sie sich immer oefter wiederholte, dankte ich ihr und verabschiedete mich.

Am naechsten Tag, als ich am Flughafen wartete, telefonierte ich nochmal mit Patty, um ihr fuer die tolle Zeit und die Gastfreundschaft zu danken.
Sie lachte :"Weisst du was? Du hast deine Zahnbuerste vergessen."
17.10.06 04:52


info

damit ihr nicht glaubt, ich wuerde die New Yorker freundlichkeit so preisen (nix gegen New Yorker, man muss sie zu nehmen wissen, die wollen auch nur spielen)

update:
ich bin nur schon zum zweiten mal dieses jahr in boulder, colorado und lasse mich zur rolferin ausbilden.

www.rolf.org

ja, das kann man auch in muenchen machen.

wollte ich aber nicht.


heute, 15.10.06 bzw. 10|15|06 faengt auch die schule wieder an, mit den ueblichen vorbesprechungen und der unvermeidlichen vorstellungsrunde.

ich habe ein seit meinem 32. geburtstag (23.9.) ferien, hatte meine schwester in oesterreich besucht, war ein paar tage in new york und habe mich dann hier wieder eingelebt.
das ging schnell, ich mag die stadt

wie ein buergermeister mal sagte
"boulder is nestled between the mountains and reality"
15.10.06 17:51


friendly people

Die Leute hier haben es echt raus, nette, unverbindliche Gespräche anzufangen und – was ich ganz besonders zu schätzen weiß – zu beenden.
Ich glaube, das bemängeln viele auch so sehr: die amerikanische Freundlichkeit sei nicht echt.
Nur weil ein gutes, informatives, bereicherndes Gespräch auch wieder beendet wird, ohne daß man eine lebenslange Freundschaft darauf aufbaut. Ich finde das sehr angenehm, aber ich will mich ja auch nur mal gut unterhalten, wenn ich gerade Zeit dazu habe.

Und das geht hier ganz einfach: im Bus, im Cafe, auf der Straße schaue ich mich um und lächele die Menschen an, die mir begegnen. Das ist hier keine Merkwürdigkeit, das tun fast alle.
Dann beginnt man mit simplen Floskeln, sich zu unterhalten, kann aber auch jederzeit wieder aussteigen. Dafür genügt es, einsilbiger zu antworten, die Leute hier verstehen das gleich.
Das finde ich eben so entspannend: man wird auch wieder in Ruhe gelassen.

Vielleicht ist es schlimm für Leute, die keine Freundschaften haben.

Natürlich, wenn mir jemand einen schönen Tag wünscht, ist es den meisten völlig egal, wie mein Tag verläuft, es ist einfach eine Floskel.
Trotzdem: viele Leute hier wollen einfach nett sein, um ihren Alltag mit erfreulichen Begegnungen zu bereichern.
Sie meinen vielleicht nicht direkt MICH, wenn sie mir "…have a good one" hinterherrufen, aber ich habe den Eindruck, sie wollen generell, daß möglichst alle einen schönen Tag haben.
Und das ist ehrlich gemeint.

Und das ist der große Unterschied: die Leute hier haben begriffen, daß der Tag für ALLE ein schönerer ist, wenn sie einfach mal nett sind. Daß man sich selbst den Tag schöner machen kann, wenn man einfach ein bißchen freundlicher ist, als nötig wäre.

Die meisten, die ich zuhause erlebe, haben das einfach nicht kapiert.
Sie sind unfreundlich zu Fremden, die sind unfreundlich zu ihnen, die meisten Jobs werden völlig lustlos erledigt, Hauptsache die Zeit geht rum und man kann möglichst bald wieder zuhause auf dem Sofa sitzen und nörgeln, wie schlecht die Zeiten doch sind.

Man merkt es auch am Service, bei allen Dienstleistungsjobs. Natürlich sind die Angestellten in den Coffeeshops und erst recht in Restaurants superfreundlich, sie leben ja auch vom Trinkgeld.
Aber auch die BusfahrerInnen, die ja nun wirklich nicht auf Trinkgeld hoffen können, geben sich immer noch extra Mühe, es einem so angenehm wie möglich zu machen.

Von den Busfahrern war ich ja schon im Juli begeistert. Sie können nicht wechseln, das bekommt man auch überall gesagt, aber wenn man neu in der Stadt ist, und blöderweise nur den 5-$-Schein einstecken hat, nehmen sie einen zur Not eben auch umsonst mit. Natürlich nicht ohne darauf hinzuweisen, daß man sich in der Stadtmitte, wo man ohnehin aussteigen wollte, auch Blöcke mit 10 Tickets kaufen kann, die kommen dann billiger als die Einzelfahrten.

Wenn mich ein deutscher Busfahrer mal anlächelt, würde ich mir den Tag am liebsten im Kalender anstreichen. Und meistens lächelt er dann auch eher meine Titten an.

Bei Dienstleistungsjobs in Deutschland gibt es eher ein Racheprinzip: alle, die mit mir zu tun haben müssen, werden dafür bestraft, daß ich diesen Scheißjob machen muß.
Außerdem ist es eben ein Scheißjob und ich lasse ihn mir auch nicht schönreden, ich sorge dafür, daß ich jede Sekunde lang erlebe, wie schrecklich es ist, hier arbeiten zu müssen.

Freundlichkeit? Das wäre doch Selbstbetrug. Am Ende hätte ich auf die Art noch einen schönen Tag und würde nicht merken, wie man mich hier ausbeutet.
14.10.06 21:15


incomprehensibilities

dinner beim edelmexicaner (natuerlich heisst der CABANA, so wie alle latinolaeden) am pier von manhattan.

das essen war erfreulicherweise grossartig, ich fuerchtete schon, die preise waeren nur wegen der aussicht so hoch - und selbst das waere in ordnung gewesen.

der blick auf dieses superluxushafenstueck war wirklich unglaublich.

4 riesige segelschiffe, wunderschoen, ein paar hafenrundfahrtschiffe und direkt dahinter die wolkenkratzer, das ganze huebsch beleuchtet, inclusive spiegelung im wasser. wow.

ich konnte erstmal gar nicht fassen, was ich da sah.
die schiffe (die groessten segler, die ich je gesehen habe) vor diesen vollverspiegelten hochhauesern - es sah unmoeglich aus. als waere es eine raffinierte montage.
wie kann man so grosse haeuser direkt am wasser bauen? und davon ne ganze insel voll....

zur anderen seite hin sah man dann auch wieder skyline, diesmal die von Long Island, nicht weniger eindrucksvoll.

vorher sind wir einfach durch die gegend gelaufen, waren im village sangria trinken, pitcherweise, und ich habe nur leute angestarrt... alle sorten leute. die schoensten und die haesslichsten und alles dazwischen - und die klamotten! die farben (oder voellige farblosigkeit), frisuren (oder keine), gesichter, blicke, gesten, wahnsinn.
ich haette den ganzen tag an so ner strassenecke verbringen koennen.

ich war froh, dass ich die kamera vergessen hatte. so grosse sachen, diese fuelle an allem bekommt man eh nicht aufs bild - versucht haette ich es natuerlich trotzdem und waere vor lauter fotografieren kaum zum gucken gekommen.



und dann reden die bekloppten frankfurter von mainhattan.
7.10.06 19:15


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]
LINKS